Geschichten aus der Vergangenheit

Die Museumsinsel im Hochwald

„Hermeskeil – die Museumsinsel?“ Wer nun an das Berliner Vorbild denkt, wird wohl enttäuscht werden, weil Hermeskeil wahrlich keine Metropole ist, sondern nur das Zentrum des Hochwaldes. Aber eben hier hätte man das einzige Feuerwehrmuseum in Rheinland-Pfalz oder die größte private Flugausstellung Europas wohl kaum vermutet. Und wem der "Nebelspalter" und das "deutsche Krokodil" noch ein Rätsel sind, der sollte sich das Dampflok- und das Hochwaldmuseum nicht entgehen lassen.

 

Direkt am Hermeskeiler Bahnhof, dem Endpunkt des Radweges, befindet sich das Dampflokmuseum auf dem ehemaligen Gelände des Bahnbetriebshofes. Durch hohe Tore fällt das Sonnenlicht schachtartig in den Lokschuppen und taucht die rot-schwarzen Ungetüme in einen matten Glanz. Hier stehen die sechs restaurierten Aushängeschilder der Sammlung: die Kleindiesellok „Köf“, eine Draisine, vier Güterzugdampfloks aus den 40er Jahren und eine Schnellzuglokomotive, die es 1937 auf immerhin 130 Kilometer pro Stunde brachte.

Eine Treppe führt hoch zum Führerstand einer Dampflok; vor uns ein Dutzend Messuhren, Schieber, Räder, Hebel und der dunkle Schlund des Kohleofens, dahinter die große abgeschrägte Halde für die Kohle. Dazwischen war einst der Arbeitplatz des Heizers: schmutzig, heiß, hart und laut. Heute ist nur noch Vogelgezwitscher zu hören.

Restaurierte Dampflok im Eisenbahnmuseum Hermeskeil.

Schlafwagen vom Orientexpress

Auf dem Freigelände zeigt sich der Lauf der Zeit noch deutlicher: Aufgereihte Kolosse aus rostigem Eisen schlagen schmale Schneisen. Hier stehen Schlafwagen des Orientexpress und das „deutsche Krokodil“, eine elektrische Güterzuglokomotive, die ihren Namen wegen ihrer markanten Form und der einst grünen Farbe erhalten hat. Vom Fortschritt abgehängt sind sie hier stehen geblieben.

„Es ist traurig, dass man einigen Loks nicht einmal mehr ansieht, dass sie einmal überarbeitet waren“, sagt Bernd Falz leicht resigniert. Er kümmert sich zusammen mit fünf Freunden um den Erhalt der Eisenbahnen und das Museum. Sie haben alle Loks in Eigenarbeit restauriert, doch bevor sie damit weitermachen, soll erst eine Halle gebaut werden. Denn „ohne Wetterschutz lohnt sich die Arbeit nicht“. 20 weitere Loks sollen dann in einer 100 mal 20 Meter großen Halle Platz finden. „Doch im Moment sind die Brandschutzbestimmungen der Stolperstein“, sagt Bernd Falz. Unter anderem soll es rund um die Halle einen fünf Meter breiten Zugang für die Feuerwehr geben, was angesichts der Raumverhältnisse nicht machbar sei: „Wenn sich da nichts ändert, sehen wir schwarz.“

Keine Hochzeit ohne Löscheimer

Im Industriegebiet Grafenwald zeigt das Museum namens „Feuerpatsche“ eine umfangreiche Sammlung von Löschgeräten, Uniformen, Fotos und Dokumenten, die vom wechselvollen Kampf der Menschen gegen die Flammen zeugen. Und zu jedem dieser Dinge kennt Museumsführer Ernst Blasius eine Geschichte. Unscheinbar liegt da zum Beispiel ein lederner Eimer – doch wer hätte gedacht, dass ohne den früher keine Hochzeit genehmigt wurde.

Ein Löschfahrzeug aus der Sammlung des Feuerwehruseums.

Denn die Angst vor dem Feuer war groß in den Dörfern: Eine umgekippte Laterne oder Kerze – schon stand das ganze strohgedeckte Haus im Flammen; und bei einem blieb es oft nicht. Das eilig in Eimern herbei getragene Wasser war dann oft im wahrsten Sinne des Wortes nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Außer dem Eimer gab es „nichts außer den langen Einreißhaken, um das Stroh vom Dach zu holen, bevor sich der Brand ausbreitet“, erklärt Blasius vor einem vier mal drei Meter großen Gemälde, das eine solche Szenerie darstellt. Organisierte Brandlöschung gab es damals kaum, doch das änderte sich spätestens mit dem verheerenden Theaterbrand 1847 in Karlsruhe. „Tags darauf wurde in der Presse von einer ‚Feuerwehr’ berichtet, das Wort war in aller Munde, nach und nach gründeten sich überall solche ‚Feuerwehren’.“

Die un-freiwillige Feuerwehr

Was zu deren Ausstattung gehörte und gehört, das befindet sich heute in der „Feuerpatsche“: Handdruckspritzen, Pumpen, Schläuche, Uniformen, aber auch moderne Meldetechnik und Löschgeräte. Nachgestellte Einsatzszenen, ein selbst gebauter Rauchsimulator, das funktionierende Notrufsystem sowie nicht zuletzt Ernst Blasius’ Schilderungen und Anekdoten lassen die Geschichte der Hermeskeiler Feuerwehr lebendig werden. So hatten im Dritten Reich die Feuerwehrleute in jedem Haus die Brandschutzbestimmungen zu überprüfen – doch nicht nur die.

Unfreiwillig wurden sie durch ihren Einblick ins Private zu Spitzeln im Dienst der politischen Verfolgung, erzählt Blasius. Dann deutet er auf zwei weite Eimer: „Die haben die Amerikaner da gelassen, als sie nach dem Krieg hier her kamen. Aber dann fuhren sie mit dem Löschfahrzeug davon.“

Überhaupt habe die Freiwillige Feuerwehr nach dem Krieg einen schweren Start gehabt: „Eine Uniform wollte freiwillig niemand mehr tragen“. Sich deutlich in der moralischen Grauzone bewegend, mussten Mitglieder mit Bier umworben werden. Heute zählt die Hermeskeiler Feuerwehr wieder 50 Freiwillige, die nebenbei ehrenamtlich das Museum auf- und ausgebaut haben. Als nächstes soll die Wiese neben dem Museum überdacht werden, dann werden auch die drei rot glänzenden Fahrzeuge des ältesten Löschzugs Deutschlands zu sehen sein.

Fenster in die Vergangenheit

Ein paar hundert Meter die Straße hoch in Richtung Zentrum befinden sich weitere „Fenster in die Vergangenheit“. Sie sind aus weiß lackiertem Holz, mit blauen Läden und gehören zum typisch schiefergedeckten Haus des Hochwaldmuseums, dessen Motto dieses sprachliche Bild ist. Alles begann 1973, als der regionale Heimatforscher Edmund Schömer begann, Zeugnisse aus der Geschichte des Hochwald von der Römerzeit bis zur Gegenwart zu sammeln. Doch 30 weitere Jahre vergingen, bis seine Exponate aus den Speichern ins Licht der Öffentlichkeit gerückt werden konnten.

Die moderne Gestaltung des Museums setzt auf verschiedene Präsentationsformen wie Video, Erzählungen vom Tonband, Infotafeln und sogar Gerüche, ohne die Ausstellung jedoch damit zu überfrachten. Der Besuch beginnt mit einem Rundgang durch die Geschichte des Hochwaldes, erzählt anhand alter Fundstücken, die in ihren historischen Zusammenhang gerückt werden. Durch den Raum hallt das Pfeifen und Stampfen einer Dampflok, der frische Geruch des Waldes dringt aus einer Wandöffnung, eine andere riecht würzig nach Zimt aus dem Tante Emma-Laden. Immer neue Fenster lassen sich öffnen, durch die man noch ein Stück tiefer in die Vergangenheit eindringen kann.

Küche aus der Jahrhundertwende.

Ein Dreiergespräch zwischen einer Römerin, einem Mönch und einem Jungen von heute veranschaulicht, wie sich die Auffassung des Menschen von seinem Leben gewandelt hat: Während der Junge in rotziger „Jugendsprache seine Ahnen der Sklaverei und Ausbeutung beschuldigt, rechtfertigen diese lehrreich ihr Weltbild.

In einer Rauminstallation verblassen Tonkrug, Münzen und Papier vor den Augen des Betrachters. An gleicher Stelle erscheinen stattdessen Coladose, EC-Karte, Taschenrechner und dokumentieren, dass die Zeit zwar die Dinge ändert, nicht jedoch ihre Funktion. In einer fiktiven Ausgrabungsstätte steckt ein zerbrochener Krug noch halb im Staub, Relikt einer Epoche in der die nahe Stadt Trier als Sitz der römischen Kaiser einst Zentrum der westlichen Welt war.

In Omas guter Stube

Eine Treppe hoch und fast zweitausend Jahre später erzählt eine alte Frau in Hermeskeiler Dialekt ihrer Enkeltochter von ihrer bescheidenen aber glücklichen Kindheit und führt sie durch eine Wohnung aus dem frühen 20. Jahrhundert. „Fleiß heißt Segen“ verheißt ein gestickter Wandspruch über der gedrechselten Küchenbank. Auf dem detailreich verzierten gusseisernen Herd liegen Feuerhaken, Töpfe und Waffeleisen, eine Tafel verrät das Rezept für „Gefüllte Klees“. In der alten Schulstube darf der Besucher auf den abgewetzten Holzbänken Platz nehmen und kann auch hier noch etwas lernen. Statt Matheaufgaben oder Biologieunterricht erwartet ihn jedoch das Museumskino mit Präsentationen zur Geschichte des Hochwaldes.

Doch auch die damalige dörfliche Arbeitswelt wird anschaulich inszeniert: Verschiedene Handwerksberufe, Nagelschmiede, Druckerei, Milchverarbeitung und Schlachterei aus dem 19. Jahrhundert präsentieren sich auf breiter Fläche. Schritt für Schritt wird beschrieben, wie damals Kleiderstoff zum Schutz gegen das oft nass-kalte Klima hergestellt wurde. Wie ungemütlich es oft gewesen sein muss, verrät die Bezeichnung des traditionellen Filzhutes: Die Hochwälder tauften ihn „Nebelspalter“. Beachtung verdienen schließlich auch die kunstvoll verzierten alten Haustüren, welche die Wände der lichten Galerie zieren.

Cafe in der Concorde

Doch noch andere Raritäten hat Hermeskeil zu bieten: Wie wäre es zum Beispiel mit einer Tasse Kaffee in der Concorde? Auf der Flugausstellung Hermeskeil wird dieser Luxus erschwinglich und seitdem das schnellste Passagierflugzeug der Welt nicht mehr fliegt, ist es die einzige Concorde in der noch Kaffee serviert wird. Zwar schweift der Blick nicht über ein endloses Wolkenmeer, sondern nur die Baumwipfel des Hochwaldes, zwar ist diese Concorde nur ein Nachbau – dennoch ist dieser Eindruck bleibend: Ein 70 Meter schlanker weißer Pfeil, spitz wie eine Nadel mit kreisrunden Fenstern die kaum größer scheinen als der Teller, auf dem die Stewardess den Kuchen serviert. Alles andere ist natürlich original: Neben einzelnen Motoren und Triebwerken zeigt das Museum 106 Flugzeuge und Helikopter von den Anfängen der Luftfahrt bis heute, darunter Zivil- und Militärflugzeuge – von der legendären „Tante Ju“, dem ersten Großserienflugzeug der Welt von Junkers, bis zum  Militärjet „Phantom“.

Originalmaschine der DDR-Linie Interflug.

Beinahe unglaublich, wie einst der monströs-bullige Helikopter der sowjetischen Aeroflot vom Boden los kam! Eher windschnittig und elegant scheint da schon die Tupolew der ostdeutschen Interflug, deren weiß-rote Lackierung mit dem blauen Himmel um die Wette strahlt. Auch „orientalische“ Modelle sind zu sehen: Ausgerechnet bei der „Royal Jordanian Air Force“ sitzt der Besucher ganz und gar nicht königlich auf Holzpritschen. Und keine Illusion über die Funktion lässt der amerikanische Hersteller Republic aufkommen, dessen Jagdbomber „Thunderchief“ mit dem zähnefletschenden Gebiss eines Hais illustriert wurde. Sehenswert und zudem von historischer Bedeutung ist auch die Super-Constellation, mit der Konrad Adenauer 1955 nach Moskau flog.

Dampflokmuseum

  • Am Bahnhof Hermeskeil
  • Geöffnet: auf Anfrage
  • kurzfristig auch zusätzliche Öffnung für Gruppen möglich
  • Telefon: 06503 / 1204
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Erlebnismuseum

  • Trierer Straße 51
  • Geöffnet: 1. April bis 31. Oktober, Di - Fr: 14 - 17 Uhr
  • Telefon: 0 65 03 / 92 14 0
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Feuerpatsche

  • Im Industrie- und Gewerbepark Grafenwald, Hermeskeil
  • Geöffnet: So: 10 – 12 Uhr und nach Vereinbarung
  • Telefon: 06503 / 1794, Mobil: 0170 / 199 4337
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Flugausstellung

  • Hunsrückhöhenstraße, Hermeskeil-Abtei
  • geöffnet: April bis 1. November, tgl. 10 – 18 Uhr
  • Tel. 06503 / 7693
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Hochwaldmuseum

  • Trierer Straße 49, Hermeskeil
  • Geöffnet: Mo – Fr: 10 – 12, 14 – 17 Uhr, Sa: 14 – 17 Uhr (April-Okt.)
  • Telefon: 06503 / 95 35 15
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