Warum der Radweg zum Leben gehört

Ein grüner Alleskönner

Ein neuer Freund hat sich die Herzen der Menschen im Ruwertal und Hunsrück erobert. In grünem Gewand spendet er Entspannung und gibt Energie, fördert die Gastronomie und knüpft neue Freundschaften. Vier Menschen berichten von ihren Erfahrungen mit dem Ruwer-Hochwald-Radweg.

Mit dem Rennrad über den Asphalt

Lilli Breininger

„Ich habe einen starken Bewegungsdrang“, erklärt Lilli Breininger (22 Jahre). Die Soziologie-Studentin, die in der Trierer Innenstadt lebt, war seit ihrer Kindheit eine leidenschaftliche Turnerin. Vor zwei Jahren zog sie sich allerdings beim Bodenturnen, ihrer Lieblingsdisziplin, eine Verletzung zu. „Bei der Abfolge Radwende, Flickflack, Salto rückwärts bin ich falsch aufgekommen und habe mir das Handgelenk gebrochen“, berichtet sie. Danach musste die Studentin wochenlang auf Sport verzichten und durfte auch später ihre Hand nur leicht belasten. Da sie vorher in Ruwer trainiert hatte, war ihr der neue Radweg aufgefallen. „Ich probierte den Weg aus und das Radfahren dort gefiel mir so gut, dass ich seitdem regelmäßig fuhr“, erzählt Breininger.

 

Doch die Freude wurde bald wieder getrübt, als Anfang 2007 ihr geliebtes Mountainbike gestohlen wurde. „Es hieß ‚Ideal’, und es war auch ideal für meine Körpergröße von 1,60 Metern.“ Glücklicherweise sei sie über Kontakte an ein sehr günstiges französisches Rennrad gekommen, welches sogar noch besser für den asphaltierten Radweg geeignet ist. Seither fährt sie wieder zwei bis drei Mal wöchentlich, am liebsten alleine und mit Musik in den Ohren. „Zum Auspowern höre ich gerne ‚Yeah Yeah Yeahs’, zum Entspannen ‚Nouvelle Vague’“, sagt Breininger. Sie schätzt am Radweg vor allem, dass er eben ist und – "im Gegensatz zum Moselufer in Trier – nicht direkt neben einer Straße liegt“. Die Tatsache, dass der Weg auf einer ehemaligen Bahntrasse gebaut wurde, kommentiert Breininger mit den Worten: „Wie schön, dass Dinge aus einer vergangenen Zeit einen neuen Zweck bekommen und die Menschen heute auf neue Art und Weise erfreuen.“

Neue Gesichter im Biergarten

Werner Stenglein

„Der Radweg ist die größte Außensportanlage der Verbandsgemeinde“, sagt Werner Stenglein (56 Jahre) anerkennend. Ihm gehört das Gasthaus Stenglein in Ruwer, ein Familienbetrieb, der schon seit über 125 Jahren besteht. Auch der schöne Biergarten direkt neben dem Radweg gehört zum Gasthaus dazu. Er scheint die durstigen Radler magnetisch anzuziehen. „Seit der Radweg gebaut wurde, haben wir etwa 30 Prozent mehr Gäste“, schätzt Stenglein. Einige der neuen Gesichter sind mittlerweile sogar schon zu Stammkunden geworden. „Vorwiegend kommen die Besucher aus dem Ruwertal und den Gemeinden, die direkt am Radweg liegen. Aber auch Trierer sind darunter“, so Stenglein. Touristen von außerhalb finden offenbar seltener den Weg in sein Gasthaus. Aber wenn sich einmal einer dorthin verirrt hat, kann sich Stenglein im Falle eines Falles auch mit ein paar Brocken Englisch verständigen. Aus gesundheitlichen Gründen ist er selbst nicht auf dem Radweg aktiv. Dafür nutzt seine Familie das Angebot rege. Seine Kinder sind aktive Inlineskater. „Und mein kleines Enkelchen fährt dort Laufrad“, fügt er mit einem Lächeln hinzu.

Sportangebot vor der Haustür

Gabi Stephan

„Man fühlt sich einfach besser!“, schwärmt Gabi Stephan (51 Jahre) aus Kell am See. Seit ihr der Ruwer-Hochwald-Radweg praktisch vor die Haustür gebaut worden ist, hat sich die Sekretärin an der Universität Trier in eine begeisterte Radfahrerin verwandelt. Früher joggte sie gelegentlich um den Stausee, musste mit dem Auto dorthin fahren. Den Radweg kann sie viel spontaner nutzen. „Ich komme von der Arbeit, ziehe mir bloß Turnschuhe an und radele los“, sagt Stephan. Etwa zwei bis drei Mal in der Woche treibt sie nun Sport – ihre Kondition profitiert natürlich ebenfalls davon. Ihr gesamtes Bild vom Radfahren habe sich zum Positiven verändert, berichtet Stephan. Während sie früher ebene Strecken bevorzugte, wagt sie sich heute sogar an Berge heran. „Meine sportlichen Ambitionen sind gestiegen.“

 

Oft unternimmt sie Radfahrten mit ihrem Mann, mit dem sie eher in gemächlichem Tempo fährt, damit man sich unterhalten kann. Aber auch ihre Tochter, die gerne mit Inlinern skatet, motiviert Stephan zur sportlichen Betätigung und fragt sie öfters: „Hey, hast du nicht Lust mich mit dem Rad zu begleiten?“. Trotz allem sieht sich Stephan selbst eher als Freizeitfahrerin, was jedoch den Stolz auf ihre sportliche Aktivität nicht schmälert. „Ein bisschen Fahren ist auf jeden Fall besser, als auf der Couch zu sitzen, auch wenn es nur 15 Kilometer sind“, findet sie. „Der Radweg ist einfach schön.“ Stephan genießt die Ruhe auf dem Radweg, die Wiesen und Wälder, den Gesang der Vögel. Im Wechsel der Jahreszeiten ist ihr aufgefallen, wie viele verschiedene Töne von Grün es gibt, wie die Luft immer wieder anders riecht nach Regen oder in der Hitze. Halb ernst, halb scherzhaft fügt sie hinzu: „Nur eines mag ich nicht so gerne: wenn die Felder frisch gedüngt sind."

Der Radweg als Kontaktförderer

Rainer Spies

„Niemand hat negativ auf den Radweg reagiert“, berichtet Rainer Spies (54 Jahre), Ortsbürgermeister von Reinsfeld. Dabei habe es vor dem Bau einige Kritiker gegeben. Obwohl seit 1989 kein Zug mehr auf der Bahnstrecke gefahren ist, habe es manchen nicht gefallen, dass die Schienen verschwinden sollten. Andere hätten sich vor allem an der hohen Investition von zehn Millionen Euro gestört. „Ich persönlich bin froh, dass der Radweg gebaut worden ist. Er hat das Ortsbild verschönert“, meint Spies. Positiv findet er, dass der Radweg dank der ehemaligen Bahntrasse mitten durch Reinsfeld führt. Davon profitierten vor allem die gastronomischen Betriebe. Spies selbst fährt ein bis zwei Mal in der Woche über den Radweg nach Kell, ab und zu auch nach Hermeskeil zum Einkaufen. „Und die Verbindung nach Trier ist natürlich ein Highlight!“, merkt er begeistert an. Neben den Besuchern aus den Gemeinden trifft Spies auch Saarländer, Luxemburger und Franzosen auf dem Radweg. Dieser sei also ein echter Förderer von Kontakten. Spies ist sich sicher: „Der Radweg verbindet. Und zwar nicht nur Ortschaften, sondern auch Menschen.“

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